Danken? Wofür?

Paul verlässt frustriert die Apotheke. Unglaublich, was er in den letzten Monaten hier für Geld gelassen hat. Die Einschnitte im Gesundheitswesen machen ihn krank. Ernsthaft besorgt blickt er in die Zukunft. Wo führt das alles hin? Der Arbeitsplatz ist nicht sicher. Das herkömmliche Rentensystem ist ein Topf ohne Boden. Der internationale Terrorismus könnte plötzlich vor der eigenen Haustür stehen. Und selbst die diesjährige Fußball-EM war nicht gerade ein Anlass zur Dankbarkeit. Eine Neuauflage des „Wunders von Bern“ blieb aus. Danken? Wofür?

Paul ist kein Einzelfall. Bei immer mehr Menschen in unserem Land zieht Unsicherheit in Alltag und Leben ein. Einige müssen konkrete Einschränkungen in Kauf nehmen. Andere erleben schmerzlich die Unterbrechung ihres bisherigen beruflichen Werdegangs und kämpfen mit Arbeitslosigkeit und Umschulungsmaßnahmen. All diese Entwicklungen machen vor unseren Gemeinden und Gemeinschaften nicht halt. Manche Familie muss sich ernsthaft überlegen, ob sie sich eine Wochenendfreizeit mit der eigenen Gemeinschaft noch finanziell leisten kann. Danken? Wofür?

Vor einiger Zeit sagte mir jemand sinngemäß: Wir erleben in der Gegenwart Einschnitte auf hohem Niveau. Das bringt die gegenwärtige Situation gut auf den Punkt. Allerdings muss in der Wahrnehmung unterschieden werden. Die Einschnitte werden schmerzhaft wahrgenommen. Das hohe Lebensniveau dagegen ist eher zur kaum wahrgenommenen Selbstverständlichkeit geworden. Im Angesicht dieser Entwicklungen steht neu die Frage: Wie kann Dankbarkeit das Leben prägen, wenn Einschnitte und Einschränkungen den Lebensalltag verunsichern?

In Psalm 23,1b heißt es: ...mir wird nichts mangeln. Diese Vertrauensaussage wirkt wie ein kühner Angriff auf das gegenwärtige Lebensgefühl, dass durch Verlustängste geprägt wird. Die Grundlage für dieses Vertrauen ist das grundlegende Bekenntnis am Anfang des Psalms: Der Herr ist mein Hirte (Vers 1a). Dieses Bekenntnis steht vor allen anderen Aussagen. Ohne dieses Bekenntnis kann das dann Folgende nicht gesagt werden. Damit wird es zum Dreh- und Angelpunkt und zur herausfordernden Frage an mich selbst: Ist Gott mein Hirte? Ist er der Herr meines Lebens? Oder, um für mich als Christ etwas differenzierter zu fragen: Ist der Herr meines Glaubenslebens auch der Herr meines Alltagslebens? Ein JA darf zu dem vertrauensvollen Bekenntnis führen: ...mir wird nichts mangeln.

Und auf einmal ahne ich, wie sehr ich doch Kind meiner Zeit bin. Wie stark ist mein Blickwinkel und Lebensgefühl von äußeren Werten wie finanzielle Situation, berufliche Perspektive und soziale Sicherheit geprägt? Natürlich sind diese Dinge wichtig. Aber bei aller Bedeutung dieser Aspekte, gibt es nicht innere Werte, die wichtiger sind und zuerst genannt werden sollten? Gott lässt Sie und mich wissen:

Du bist gewollt! – Sie und ich sind kein Produkt des Zufalls. Unsere Existenz verdanken wir nicht einer Laune der Natur. Uns gibt es auf dieser Erde, weil Gott uns gewollt hat. Wir sind einer seiner schönsten Gedanken. Gott hat uns geschaffen. Sie und ich tragen seine Handschrift. Du hast mich geschaffen - meinen Körper und meine Seele, im Leib meiner Mutter hast du mich gebildet. (Psalm 139,13 nach HfA) Das ist Grund zum Danken! Herr, ich danke dir dafür, dass du mich so wunderbar und einzigartig gemacht hast! Großartig ist alles, was du geschaffen hast - das erkenne ich! (Psalm 139,14) Egal in welcher Lebenssituation Sie im Moment stehen: Sie sind gottgewollt! Ich bin gottgewollt. Diese Zusage steht unerschütterlich über unserem Leben, auch wenn das Leben momentan rundum erschüttert wird.

Du bist geliebt! – Vielleicht ist die eigene Kindheit von einem Mangel an bedingungsloser Liebe geprägt. Vielleicht erfährt man selbst in der Gegenwart wenig Liebe von anderen Menschen. Trotzdem gilt: Gott liebt mich über alles. Diese Liebe wird an vielen Stellen sichtbar: in der Schöpfung, in Gottes Geschichte mit uns Menschen und in meiner persönlichen Lebensgeschichte mit Gott... – Aber der Höhepunkt der Liebe Gottes ist und bleibt das Kreuz von Jesus Christus. Denn Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben (Johannes 3, 16). Das bedeutet: Sie und ich sind einen Christus wert! Das ist Grund zum Danken!

Du wirst gebraucht! – Mancher Chef bringt heute das Gegenteil zum Ausdruck. Bei Gott ist das anders. Ich muss meinen Lebenssinn nicht selbst produzieren. Gott schenkt mir den Sinn meines Lebens täglich neu durch sein uneingeschränktes Ja zu mir. Gott ist leidenschaftlich an uns Menschen interessiert. Er möchte Ihnen und mir Wege und Ziele zeigen, die sich lohnen und Perspektiven eröffnen. Das gibt unserem Leben Wert und Bedeutung. Dabei können sich bisherige Gegebenheiten gravierend verändern. Das ändert aber nichts an Gottes Zusage. Gott hat etwas vor mit dieser Welt. Und Gott hat etwas vor mit Ihrem und meinem ganz persönlichen Leben. Alle Tage meines Lebens hast du in dein Buch geschrieben - noch bevor einer von ihnen begann! (Psalm 139, 16b) Unser kleines Leben gehört in einen großen Zusammenhang. Das ist Grund zum Danken!

Du darfst neu anfangen! - Schuld und schmerzhafte Wunden unter uns Menschen ziehen oft neue Schuld und Verletzungen nach sich. Dadurch werden Freundschaften, Beziehungen, Familien, Ehen und Gemeinden zersetzt. Jesus Christus hat am Kreuz diesen Teufelskreislauf durchbrochen. Vergebung und Neuanfang werden möglich - bei Gott und Menschen. Verdrängte Schuld zerstört. Erst wollte ich dir, Herr, meine Schuld verheimlichen. Doch davon wurde ich so schwach und elend, dass ich nur noch stöhnen konnte. (Psalm 32,3 ) Vor Gott ausgesprochene Schuld befreit. Da endlich gestand ich dir meine Sünde; mein Unrecht wollte ich nicht länger verschweigen. Ich sagte: «Ich will dem Herrn meine Vergehen bekennen!» Und wirklich: Du hast mir meine ganze Schuld vergeben! (Psalm 32,5) Gott vergibt uns unsere Schuld. Das ist Grund zum Danken!

Du gehörst immer zu mir! Der Psalm 23 schließt mit den Worten: und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. (Vers 6b nach Luther). Dieser Wunsch, der zunächst eine konkrete geschichtliche Situation vor Augen hatte, bekommt durch die Auferstehung Jesu eine ganz andere Dimension. Unser Leben endet nicht mit dem Tod. Wir bleiben für immer und ewig Gottes Kinder – durch den Tod hindurch. Das ist Grund zum Danken.

Wenn Gott der Herr meines Lebens ist, dann stehen diese Zusagen und Verheißungen über meinem Leben. Und das ist ein krisensicheres Fundament für einen dankbaren Lebensstil in stürmischen Zeiten. Es hat mich kürzlich sehr bewegt, als ich in Luthers Abhandlung über die „Freiheit eines Christenmenschen“ las: Was hilft es der Seele, dass der Leib ungefangen, frisch und gesund ist, isst, trinkt, lebt, wie er will! Wiederum, was schadet das der Seele, dass der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie er nicht gern wollte! Diese Dinge reichen keines bis an die Seele, sie zu befreien oder fangen, fromm oder böse zu machen. Das bedeutet doch auch: Wenn ich innerlich ganz zu Christus gehöre, dann werden mir äußere Einschnitte und Einschränkungen weder schaden noch – letztendlich - die Dankbarkeit nehmen können. Was für eine Ermutigung mitten in eine Zeit hinein, in der sich eine überzogene Ausrichtung auf Wohlstand und Erlebnisse immer mehr als Sackgasse erweist.

Trotzdem hat das Thema Dankbarkeit auch eine Außenseite. Unser Leben lebt auch von äußeren Dingen. Und Gottes Segen drückt sich auch in diesen Dingen aus. Hier gilt es vielleicht neu auf Entdeckungsreise zu gehen und zu sehen, was Gott an Gutem in unser Leben hinein legt und uns schenkt?

Praktizierter Dank ist ein zentraler Ausdruck unseres Glaubens und ein wesentlicher Aspekt der Bestimmung unserer Existenz vor Gott. Übrigens denke ich, dass gelebter Glaube den Charakter einer Gegenkultur in sich trägt. Das wäre sicher ein Thema für sich. Dankbarkeit als Lebensstil ist jedenfalls ein wichtiger Teil dieser Gegenkultur. Danken enthält aber noch ganz andere Dimensionen: Im Danken gelangt man über sich selbst hinaus. Hier darf die größte Freiheit entstehen, die überhaupt denkbar ist: Freiheit von mir selbst. Freiheit von meinen Bedürfnissen, Wünschen, Zielen, Trieben und Launen. Dank bewirkt Befreiung. Im Danken gegenüber Gott darf ich – erstaunlicherweise - zu mir selbst finden.


Michael Piertzik, Theologe und Gemeinschaftspastor, Liebenzeller Gemeinschaftsverband e.V.

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